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Liebe Mutter! Jetzt ist bei uns richtig Frühling geworden. Täglich Sonnenschein, dazu weht aber ein noch etwas frischer, sehr scharfer Wind. Auf der Steppe wächst wieder grünes Gras. In den letzten Tagen sind unzählige Blumen dazugekommen. Die Obstgärten im Dorf blühen ebenfalls. Alles grünt und blüht. Es ist das alles für das Auge nach der niederdrückenden Eintönigkeit des Winters eine Wohltat, eine Erfrischung sondergleichen. Unsere Pferde haben gute, warme Ställe und gehen täglich mehrere Stunden auf die Weide, auch gibt es hin und wieder einmal einige Zentner Hafer, sodass sie sich nach dem Elend im Winter schon ganz gut erholt haben. Was haben diese armen Tiere auch in den vergangenen Monaten gelitten. Es war schon nicht mehr mit anzusehen. Nun aber ist Frühling und ist alles gerettet. Wir stehen nach der kurzen Erholungszeit jetzt wieder in Stellung. Kleinigkeit bei diesem Wetter! Wenn nicht geschossen wird aalt sich alles in der heißen Sonne vor den Bunkereingängen. Es geht alles sehr gut. Als ostpreußische Bauern und Landarbeiter sind die Männer ja auch eine gehörige Wucht Kälte gewöhnt. Alle Ostpreußensoldaten wie besonders Pferde sind ganz ausgezeichnet durch den Winter gekommen. Es ist ein ganz besonders widerstandsfähiger harter Schlag. So richtig fürs Feld zu gebrauchen. Unsere Verpflegung ist erstklassig. Milch und ein paar Zentner Kartoffeln gibt es im Dorf. Die Einwohner sind äußerst freundlich und zuvorkommend. Sie geben was in ihren Kräften steht. Wir helfen ihnen dafür hier und da mit unserem Wagen und guten Pferden aus. Der Nachschub an Verpflegung klappt einfach wunderbar, sogar Marketenderwaren, Wein, Schnaps und gute Rauchwaren gibt es reichlich. Welch‘ Wunder, diese Nachschuborganisation. Die Männer sehen alle sehr gesund aus, braungebrannt und „prächtig im Futter“. So allmählich kurieren wir auch unser rheumatisches Gliederreißen aus; denn wie kann der russische Winter spurlos an uns vorübergehen. Diese kleinen Wehwehchen sind jedoch Privatsache eines jeden Einzelnen. Im Dienst und Einsatz kennen wir sie nicht. Von Zeit zu Zeit kommen deine Kieler Zeitungen und Illustrierten meist mehrere zusammen bei mir an. Ich freue mich jedesmal sehr auf deine lieben an den Rand der Blätter geschriebenen Grüße und lese die Heimatberichte mit großem Interesse. Ich hoffe, daß von dem großen Nachtangriff auf Kiel, der kürzlich im Wehrmachtsbericht erwähnt wurde, unser Grundstück verschont geblieben ist. Wie sehr freue ich mich dann immer, daß du und die Geschwister in Sörup außerhalb der Gefahrenzone bist. Nur unser guter Vater muß zu seiner Einsamkeit auch noch diese häßlichen Bombenangriffe ertragen. Ich bin oft in großer Sorge um ihn und habe das Gefühl, als ob er sich in der großen Wohnung sehr verlassen und einsam fühlt. Ich werde ihm in nächster Zeit des öfteren kurz schreiben. Ich darf meinen Brief, an dich, liebe Mutter, nicht schließen, ohne für das winzige Osterpäckchen und die kleine Melone zu danken, die ich beide vor wenigen Tagen erhielt. Sie waren gut und das Marzipan schmeckte fabelhaft. Mit den besten Grüßen auch an die Geschwister verbleibe ich dein Max-Eugen |
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