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Liebe Eltern! Heute bin ich wieder in bester Laune, und dann pflege ich meistens euch einen längeren Brief zu schreiben. Wir liegen am Dorfausgang eines russischen Dorfes nördlich der Krim inmitten eines öden wasserarmen Steppengebietes. Die Geschütze stehen unter halb vertrockneten verstaubten Akazien, die einzigen Bäume, die sich hier in dem heißen trockenen Klima halten. Seit Tagen brennt die Sonne auf die Ebene, doch hat sie nicht mehr diese mörderische Hitzewirkung, wie damals in Rumänien und auf dem Vormarsch durch Bessarabien. Die frühen Morgenstunden und vor allem die Abende sind wundervoll erfrischend, nachts wird es teilweise schon empfindlich kalt. Seit 2 Tagen gehören wir wieder zur Reserve und liegen in Ruhe. Das Dorf hat zahlreiche Brunnen mit schönem klarem Wasser, teilweise bis zu 60 m Tiefe. Mit einem kunstvollen Schöpfwerk, in das ein Pferd eingespannt werden kann, wird das kostbare Wasser zu Tage gefördert. Die wenigen Wasserstellen haben kampfentscheidenden Wert, wer sie besitzt ist in großem Vorteil. Gänseherden, Schweine und Rinder, dazu große Kartoffelfelder und Melonenplantagen tragen wesentlich zur Verbesserung unserer Verpflegung bei. Wir sind ja fast auf die Lebensmittel des Landes angewiesen, da der Nachschub es sowieso kaum schaffen kann. Hier wird fast unwahrscheinliches geleistet. Die Küche ist jetzt tatsächlich das wichtigste Fahrzeug der Batterie, große Wasserfässer und zahlreiche kleine Panjewagen als fliegende Requirierungskommandos gehören dazu. Fast jeden zweiten tag wird geschlachtet, täglich Kartoffeln gebuddelt, hin und wieder trifft man auf riesige Tomatenfelder und in den unterirdischen Speichern der Brunnen, herrliche eingemachte Gurken, Faßweise. Nur Eier, Milch und Butter sind ein äußerst rarer Artikel. Nur ungern geben die Bauern so etwas heraus. Sie haben ja nicht viel davon. Wer Glück hat findet zuweilen goldklaren Bienenhonig. Dann ist ein Festtag und mit wonnigem Behagen schlürft man warme Honigmilch. Ihr seht, noch leben wir nicht schlecht. Wer etwas gewitzt ist, bereitet sich so manchen kleinen Leckerbissen, aber bei der dichten Belegung der wenigen Dörfer wird das Land schnell leergefressen. Denn auch die treuen Pferde verbrauchen Unmengen an Futter. Ich weiß noch nicht, wie es im Winter hier werden soll. Vor uns hat der fluchtartig zurückgegangene Russe fast alles Brauchbare mitgenommen, oder mitunter auch zerstört, oder verbrannt. Doch hat ihn die Bevölkerung größtenteils daran gehindert, so daß wir immer noch, besonders wenn wir in vorderster Front eingesetzt waren, genug gefunden haben. Nach meiner Meinung wird die russische Bevölkerung hungern müssen. Seit meinem letzten Brief an euch haben wir viel Schönes und Schweres erlebt. Der Einsatz am Dnjepr dauerte nur kurze Zeit. Ich machte einen sehr interessanten Tag als Vorgeschobener Beobachter im sumpfigen Uferwald unmittelbar am Fluß mit, wo bayrische und württembergische Infanterie im Gegenangriff der Russen, der unter Ausnutzung des unübersichtlichen Geländes und der vielen Flußarme, bis auf 2 km an unsere Übergangsstelle vorgestoßen war, sehr schneidig zurückschlug. Alte Männer und blutjunge Kerlchen, meistens nur wenige Tage Soldat und kaum ausgebildet, liegen uns gegenüber und wurden bei Ihren Gegenangriffen zur Eindrückung unseres Brückenkopfes furchtbar zusammengeschossen. Sehr unangenehm für uns war die weittragende russische Artillerie und vor allem die russischen Bomber und Jäger, die jetzt schon fast 2 Wochen lang in rollenden Einsätzen die Übergangsstelle und unsere Kolonnen, Biwakplätze und Feuerstellungen angriffen und noch Heute angreifen. Hier erfreut sich der Gegner noch einer starken Luftüberlegenheit, die uns deshalb so viel zu schaffen macht, weil das Gelände platt wie ein Teller und fast ganz deckungslos ist. Unsere Jäger schießen so manchen Bomber vor unseren Augen ab. Der Russe erscheint jedoch in so halben Haufen, 10 – 20 Jäger auf einmal sind keine Seltenheit, daß wir uns selber helfen müssen. Aber auch das hat eines Tages ein Ende und in den letzten Tagen kam er nur noch 2 - 3 mal am Tage. Vor einigen Tagen standen wir wieder, diesmal südostwärts des Dnjepr, in schweren Abwehrkämpfen gegen frische und gutausgebildete kaukasische Truppen. Der Kampf war schwer und leider wieder verlustreich. In tiefen Löchern saß der Gegner tagelang und wollte nicht weichen. Wir schossen bis wir kaum noch Munition hatten und erlebten bei dieser Front mit großen Lücken, kritische Stunden. Trotzdem wurde es geschafft, der Gegner geworfen und in wilder Flucht zurückgetrieben. Der Ritt am nächsten Tage über das Gefechtsfeld, völlig ebene Steppe, enthüllte grausame Bilder und wird mir unvergeßlich bleiben. Solche Leistungen erreicht eben nur der deutsche Soldat. Seine Leistung ist über jedes Lob erhaben. Wie oft habe ich schon gesagt, daß gerade wir Artilleristen den Hut vor jedem Infanteristen abnehmen müssen. Viele hundert Kilometer haben diese unscheinbar aussehenden Jungs in Hitze, in Gluthitze durch Staub und zähklebrigen Morast zurückgelegt. Wie oft ist die Feldküche nicht zu ihnen durchgekommen, weil sie irgendwo mit erschöpften Pferden im Dreck steckte, wie oft haben sie tagelang ohne das ein Tropfen Wasser heran konnte in ihren Löchern gelegen, haben sich von Feldfrüchten ernährt, bekamen fast alle ruhrähnliche Darmerkrankungen, verloren immer wieder unzählige Kameraden und gingen zu Tode erschöpft und übermüdet immer wieder mit Schwung und einer zähen Verbissenheit vor, auch wenn sie genau wußten, daß auch heute wieder ein Drittel tot oder verwundet liegen bleiben würde. Es hat ja doch keinen Zweck etwas zu verheimlichen, allen toten und zerfetzten Kameraden sind wir es schuldig, der Wahrheit die Ehre zu geben. Unser siegreiches Vordringen war nur durch diese große Opferbereitschaft möglich und niemals darf die Heimat sich von den unwahrscheinlichen Erfolgen blenden lassen. Ungewöhnliche Leistungen haben sie bewirkt, noch sind sie den meisten nicht bekannt, aber es wird auch die Zeit kommen für diese Veröffentlichungen. Schon über einen Monat bin ich wieder bei meiner Batterie. Ich bedaure heute mehr denn je nicht zu meinen alten Kameraden von der 1. zurückgekommen zu sein. Hier gefällt es mir gar nicht. Ein verhaßter unmöglicher Chef tötet jeden Diensteifer und zerstört durch widerliche Nörgelei und ....... Behandlung seiner Männer Dienstfreudigkeit und Vertrauen zur Führung. Ich muß nur dauernd ausgleichen und einrenken was auseinanderzufallen droht. So etwas ist mir in meiner gesamten Dienstzeit noch nicht vorgekommen. Ich habe lange zugesehen, aber ich werde es nicht mehr lange tun, auch wenn es bald einen fürchterlichen Krach geben sollte. Schade, daß in diesen schweren Zeiten auch noch diese zusätzlichen Belastungen an einem hängen, wo doch alles in so wunderbarer Kameradschaft gehen könnte. Wir haben hier noch einen schönen Spätsommer. Vor allem ist es trocken, was viel bedeutet, da wir noch länger zelten müssen und auch die Pferde im Freien stehen. Mir geht es gesundheitlich ganz ausgezeichnet. Wie dankbar darf ich sein, das bis auf ein Mal im Juli mich diese Darmkrankheiten bisher verschont haben, an denen einige so schwer leiden. Aber bei vorsichtiger Ernährung kann man sich schützen und Seuchengefahr besteht bei der ganz hervorragenden ärztlichen Betreuung nicht. Meine Sommerbluse, die sehr gut sitzt, habe ich vor einem Monat erhalten, die beiden Unterhosen sind bisher noch nicht angekommen und müssen als verloren angesehen werden. Die Zeitungen erhalte ich ziemlich regelmäßig. Vielleicht ist es möglich, irgendeine interessante Zeitschrift, die das vorschriftsmäßige Gewicht nicht überschreitet, über eine Kunst- oder Bau (Wohnungsbau) technische Sache zu bekommen. Es gibt ja so viel davon und bei einer Fachkammer werdet ihr bestimmt das Richtige für mich herausfinden. Wir leiden in den langen Ruhepausen sehr unter dem Mangel einer unterhaltenden oder bildenden Lektüre. Ich denke hier vor allem an die langen Winterabende. Schon jetzt ist es bei uns um 18:30 Uhr fast ganz dunkel. Außerdem schickt mir bei Gelegenheit mehrere dicke Kladden, die ich für allerlei Schreibarbeiten dringend benötige, des gleichen Briefpapier. Nachschub ist in absehbarer Zeit hier in der Wildnis nicht zu erwarten. So beginnt man viel zu schreiben und gelegentlich zu zeichnen um nicht ganz zu versauern. Wenn es euch möglich ist, schickt mir doch mal ein Foto von unserem Familienbild. Ich interessiere mich brennend dafür und möchte die lieben vertrauten Gesichter hier in der Einsamkeit gerne täglich bei mir sehen, als Symbol und Talisman, denn auch ihr weilt ja oft mit den Gedanken bei mir. Für Filme 6 x 9 bin ich immer empfänglich. 2 Filme belichtet sind zu euch unterwegs, 2 weitere werden in diesen Tagen von hier abgehen. Von den Zuhause entwickelten Abzügen bitte ich um je ein Bild, schon um mich in der Aufnahmetechnik weiter zu vervollkommnen. Ich bin besonders interessiert zu erfahren, ob diese Filme auch tatsächlich in eure Hände gelangen, wenn nicht, behalte ich diese mir so kostbaren Aufnahmen für die Urlauber zum mitnehmen hier. Das wichtigste ist mir die Lösung der Frage: Wie bekomme ich meinen blauen Regenmantel hierher? Die einzige Lösung sehe ich in folgendem: Das Paket geht als Wehrmachtsgut an meine Dienststelle, Feldpostnummer 27142C evtl. von einer absendenden Marinedienststelle. Sobald ein Urlauberverkehr von hier einsetzen sollte, ist das Problem ja gelöst. Aber bis dahin vergeht noch eine geraume Weile. In das Wehrmachtsgutpaket könntet ihr noch warme Wintersachen, Bauchbinden, Ohrenschützer, dicke Wollpullunder, Strümpfe soweit noch vorhanden und so weiter mit einpacken. Wenn das gelänge würde ich mich ganz außerordentlich freuen. Ich bitte euch nochmals, diese Möglichkeit bis zum Letzten einmal zu prüfen. Bis das Paket dann in meine Hände gelangt, ist es schon Winter und liegt hier hoher Schnee. Wenn ihr das ganze in einer soliden Holzkiste, verschließbar verfrachten könnt, wäre ich euch besonders dankbar. Denn meine Gepäckstücke haben in Wind und Wetter schon schwer gelitten und lassen, was das Schlimmste ist, die Feuchtigkeit stark durch. Diese Kiste kann ruhig etwas größer sein, Platz zum mitführen ist vorhanden. Nun werdet ihr euch verwundert ansehen und meinen, daß ich ziemlich unbescheiden bin. Aber wenn auch nur etwas hier im Lande zu haben oder zu machen ginge, würde ich es hier erledigen. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit war unser Lastkraftwagen in Nikolajew um in dieser kurz vorher eroberten „Großstadt“ allerhand für uns zu holen. Nach vier Tagen kam er wieder und brachte nicht einen Nagel, nicht eine Rolle Bindfaden, nicht eine billige Haut Leder mit, es war nichts rein gar nichts mehr da, das letzte geplündert, vielleicht versteckt. Ihr macht euch von .......russischen Armut und Dürftigkeit, selbst in den mittelgroßen Städten, überhaupt keinen Begriff. In Bessarabien gab es hin und wieder noch einmal Zucker, Marmelade und ähnliches, hier sucht man sich das Brennholz mühsam zusammen um eine Tasse Tee zu wärmen. Was wir nicht mitgebracht haben gibt es eben nicht mehr. Wenn ich meinen Löffel verlieren sollte, müßte ich mir ein Taschenmesser ausleihen, um mir einen neuen aus Holz zu machen. Die primitivsten Gebrauchsgegenstände westeuropäischer Zivilisation sind hier Luxusartikel. Praktisch können wir hier alles gebrauchen, von der Stopfwolle, dem Hosenknopf bis zum Bleistift und Stiefelfett. Aber Schluß damit. Ein trauriges Kapitel. Für Heute möchte ich schließen. Ich denke viel an euch und grüße euch alle nochmals von Herzen. Euer Max-Eugen |
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